Wie Unsicherheit Beziehungen eskalieren lässt – „So war das nicht gemeint“.

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Aus Unsicherheit wird Angriff oder Rückzug.

Es war ein ganz normaler Satz.
Ruhig gesprochen. Ohne Vorwurf.

„Du wirkst gerade sehr still.“

Sekunden später war die Stimmung gekippt.
Ein scharfer Ton.  Oder Rückzug. Oder beides.

„Lass mich doch einfach in Ruhe!“
Oder: „Du findest also schon wieder, ich mache alles falsch.“

Was hier passiert, ist kein Kommunikationsproblem.
Es ist Unsicherheit, die das Steuer übernimmt.

Wenn neutrale Aussagen plötzlich wie Angriffe wirken

Für Menschen mit Bindungsangst oder Verlustangst fühlt sich Beziehung oft an wie ein unsicheres Gelände.
Nicht, weil der Partner gefährlich ist –
sondern weil alte Erfahrungen im Hintergrund mitlaufen.

Unsicherheit sorgt dafür, dass wir nicht hören, was gesagt wird,
sondern das, wovor wir uns innerlich fürchten.

  • Ich bin zu viel.
  • Ich genüge nicht.
  • Ich werde verlassen
  • Ich bin schuld.
  • Ich bin der Fehler.

Und genau diese innere Spannung macht aus neutralen Worten einen gefühlten Angriff.

Angriff oder Rückzug – zwei Seiten derselben Unsicherheit

Unsicherheit sucht immer nach Schutz.
Und dieser Schutz zeigt sich meist auf zwei Arten:

Angriff
– rechtfertigen
– kontern
– erklären
– Schuld zurückgeben

Rückzug
– schweigen
– innerlich abschalten
– sich entziehen
– emotional verschwinden

Beides hat dasselbe Ziel:
👉 Bloß nicht noch mehr verletzt werden.

Doch genau diese Reaktionen schaffen Distanz –
und verstärken die Unsicherheit, die wir eigentlich loswerden wollen.

Was gesagt wird vs. was beim Partner ankommt

Was gesagt wird – und was ankommt, sind oft zwei verschiedene Welten:

Gesagte Botschaft

Gefühlte Interpretation

„Ich mache mir Sorgen um dich.“

„Ich bin unfähig.“

„Ich brauche gerade etwas Zeit für mich.“

„Ich werde abgelehnt.“

„Ich sehe, dass dich etwas beschäftigt.“

„Ich werde kritisiert.“

„Das fühlt sich für mich schwierig an.“

„Ich bin schuld.“

„Ich wünsche mir mehr Nähe.“

„Ich bin nicht genug.“

Je größer die innere Unsicherheit, desto schneller wird interpretiert –
und desto weniger Raum bleibt für echtes Zuhören.

Warum Unsicherheit so mächtig ist

Unsicherheit entsteht nicht im aktuellen Gespräch.
Sie ist meist viel älter.

Sie stammt aus Momenten, in denen Nähe nicht sicher war.
In denen Liebe an Bedingungen geknüpft war.
In denen wir lernen mussten, wachsam zu sein.

Sie stammt oft aus der frühesten Kindheit,
als uns gespiegelt wurde, dass wir falsch sind.

Heute ist der Partner vielleicht präsent, wohlwollend, liebevoll.
Doch das Nervensystem erinnert sich an etwas anderes.

Und reagiert, bevor wir bewusst nachdenken können.

Ein stiller Wendepunkt

In einer Sitzung erzählte mir jemand:
„Ich merke, dass ich schon in Verteidigung gehe, bevor mein Partner seinen Satz beendet hat.“

Dieser Moment war kein Scheitern.
Er war ein Durchbruch.

Denn zwischen Reiz und Reaktion entstand plötzlich ein kleiner Raum.
Ein Atemzug.
Ein Innehalten.

Und mit ihm eine neue Möglichkeit:

👉 Vielleicht ist das kein Angriff.
👉 Vielleicht ist das meine Unsicherheit, die spricht.

 

Trotz Unsicherheit wieder in Beziehung gehen

Unsicherheit verschwindet nicht durch Argumente.
Und auch nicht dadurch, dass der andere alles „richtig“ macht.

Sie löst sich, wenn wir beginnen, uns selbst ernst zu nehmen,
statt unsere Schutzmechanismen zu verteidigen.

Das bedeutet:

  • Gefühle wahrnehmen, ohne sie sofort zu erklären
  • innehalten, bevor wir angreifen oder verschwinden
  • Verantwortung für das eigene innere Erleben übernehmen

Nicht perfekt.
Nicht immer.
Aber immer öfter.

Und genau dort beginnt Beziehung wieder weich zu werden.

Nicht, weil niemand mehr etwas Falsches sagt.
Sondern weil Unsicherheit nicht mehr automatisch das letzte Wort hat.

Mach dir dein Leben schön

Dein Uwe

P.S. Zu vielen Themen gebe ich ganz private Einblicke in mein Leben und mein Learning. Falls dich das interessiert, lies unter dem roten Button weiter…

Wie das Thema der Woche  mich betrifft

Ich kenne das trennende Verhalten aus innerer Unsicherheit sehr gut aus einer vergangenen Partnerschaft. Es geht hier darum, wie es sich anfühlt, mit einem unsicheren Partner zusammen zu sein.

Ich saß ständig auf einem Pulverfass. Alles, was ich sagte oder tat, lief vorher durch verschiedene Filter: Kann sie das falsch verstehen? Kann sie das gegen mich verwenden? Kann sie daraus einen Angriff ableiten? Wie kann ich das am wohlwollendsten formulieren?

Am Ende stand meist die Frage: Ist das wirklich wichtig, oder halte ich lieber die Klappe? Dennoch lief ich gefühlt andauernd ins Fettnäpfchen. Die Folge: Wutausbruch, Vorwürfe, Gegenangriff und ihre unterschwellige Botschaft: Du machst es immer wieder falsch. „Warum sollte ich dir verzeihen, wenn ich weiß, dass du es wieder tun wirst?“, ist ein Satz, den ich gut in Erinnerung habe.

Und nach der Wut kam das Schweigen – Stunden und Tage der emotionalen Zurückweisung. Jede Entschuldigung, jeder Annäherungsversuch meinerseits zum Scheitern verurteilt. Kontrollverlust und totale Ohnmacht auf beiden Seiten – und immer wieder der Beweis dafür, dass wir nicht gut genug sind.

Ich kann es ihr nicht rechtmachen

Irgendwann begriff ich, dass ich es ihr nicht rechtmachen kann, egal wie sehr ich mich in meiner Kommunikation und meinem Handeln verbiege. Also muss ich einen Weg finden, sie so anzunehmen, wie sie ist, und mich selbst zu schützen. Im Grunde war es keine Beziehung mehr, sondern eine Schadensbegrenzungsmaßnahme.

Ich grenzte mich ab, indem ich sie als verletzte Seele betrachtete, die einfach nicht besser gelernt hat, mit ihren Themen umzugehen. Damit, und durch eine sichere Distanz zu ihr, schützte ich meinen Selbstwert, doch weder meiner Partnerin, noch der Beziehung tat ich damit einen Gefallen.

Denn natürlich fühlte auch ich mich durch ihr Verhalten verletzt, aber wen interessiert das schon? Es ist wichtig, dass es ihr gut geht, und die Harmonie erhalten bleibt. Meine Bedürfnisse sind egal. Ich bin verantwortlich für die Bindung, also muss ich zurückstecken. Ich hielt die Klappe und hielt es aus. Nun gab es weniger Streit, doch die Mauer zwischen uns wurde dicker und höher.

Jeder ist für seine Wunden verantwortlich

Durch ihre Unsicherheit fühlte sich meine Partnerin durch alles und jeden angegriffen. Diese Wunde war in ihr, ich habe sie ihr nur gezeigt. Ich kann sie nicht davor schützen, und ich kann sie nicht heilen. Das ist ihre Aufgabe. Veranlasst, durch ihre Prägung und ihre gefühlte Ohnmacht, setzte sie das Mittel der emotionalen Kälte als Strafe ein.

Damit zielte sie genau auf meine Wunde – meiner Überzeugung, dass ich nicht genug bin, und deshalb zurückgewiesen werde. Doch auch sie zeigte mir nur meine alte Wunde. Unsere Schutzstrategien: Sie zog sich zurück, wenn sie verletzt war, und ich zog mich zurück, weil ich nicht mehr verletzt werden wollte. Natürlich konnte das nicht gut ausgehen, auch in diesem Fall gab es kein Happy End.

Was ist also das Fazit aus dieser Story? Emotionale Erpressung durch langfristiges, wiederholtes Schmollen mit Liebesentzug als Strafe ist kein Kavaliersdelikt. Es ist Gewalt und Missbrauch. Und sicherlich hatte meine Partnerin diese Gewalt ebenfalls durch ihre Eltern erfahren. Doch das rechtfertigt es genauso wenig, wie tätliche Gewalt in jeglicher Form.

Ist bindungsängstliches Verhalten Gewalt?

Wie ist dann unser innerer Wunsch nach Distanz und Autonomie zu bewerten? Sicherlich ist das nicht als Bestrafung gedacht, doch für einen Partner, der die Verschmelzung sucht, fühlt es sich genau so an. Deshalb ist es so wichtig, über die eigenen Motive zu sprechen. Ziehe ich mich zurück, weil ich diese Zeit für mich brauche – um Energie zu tanken? Oder bin ich nicht verfügbar, weil mein Partner nicht genug ist, oder etwas Falsches gemacht hat?

Hierbei ist wichtig zu verstehen: Die Entscheidung, dass meine Bedürfnisse und Gefühle in der Partnerschaft keinen Raum haben, habe ich selbst getroffen. Mein Partner hat damit nichts zu tun, außer, dass er häufig die gleiche Strategie nutzt. Das Ergebnis ist Ohnmacht auf beiden Seiten, und die Bestätigung, beziehungsunfähig zu sein.

Wenn also bindungsängstliches Verhalten Gewalt ist, gilt das auch für den Verlustängstlichen Part. Beide handeln aus Unsicherheit, und beide sind dem Partner gegenüber übergriffig. Der eine mit Druck, Regeln und Kontrolle – der andere durch Rückzug und Rebellion. Was hilft, ist das Verständnis über die eigenen Ängste und Motive, und das offene, wertungsfreie Gespräch darüber in der Beziehung.

So kann Heilung gelingen.

Reflexion

Wer oder was erzeugt für dich in der Beziehung Unsicherheit?
Glaubst du, dein Partner nimmt mehr Raum in der Beziehung ein, als ihm zusteht?
Fühlt es sich so an, als ob dein Partner dich bewusst angreift? Ist das wirklich wahr?
Erzeugt ein offenes Gespräch über deine Ängste mehr Trennung, oder mehr Verbindung.
Welche Überzeugung hindert dich daran?

Mach dir deine Beziehung schön,

Dein Uwe

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