Dein Partner als Opfer deiner Bindungsangst!

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Täter Opfer Umkehr – wenn Angst uns zu dem macht, was wir selbst am meisten fürchten

Es beginnt oft leise.
Ein ungutes Gefühl. Ein inneres Zusammenziehen.
Der Gedanke: „Jetzt wird es mir zu eng.“ oder „Ich verliere die Kontrolle.“

Und noch bevor du weißt, was eigentlich passiert ist, reagierst du.

Du ziehst dich zurück.
Du wirst kalt.
Du verstummst.
Oder du gehst in den Angriff.

Später tut es dir leid. Wirklich.
Und trotzdem bleibt beim Partner etwas zurück, das schwerer wiegt als jedes Wort:
Verunsicherung. Schmerz. Selbstzweifel.

Hier beginnt die Täter-Opfer-Umkehr.

Wenn Nähe Angst macht – und wir uns selbst nicht wiedererkennen

Für Menschen mit Bindungs- oder Verlustangst ist Beziehung kein sicherer Ort.
Je näher es wird, desto größer wird die innere Bedrohung.

Nicht, weil der Partner gefährlich ist –
sondern weil Nähe alte Gefühle aktiviert:

  • das Gefühl, nicht genug zu sein
  • die Angst, verlassen oder entwertet zu werden
  • die Ohnmacht, keine Kontrolle zu haben

Und ausgerechnet dann, wenn wir eigentlich Verbindung wollen, schützen wir uns auf Kosten des anderen.

Unbewusst.

Die innere Logik der Täter-Opfer-Umkehr

Die Täter-Opfer-Umkehr bedeutet nicht, dass jemand „böse“ ist.
Sie entsteht aus einem inneren Konflikt:

„Ich will nie wieder fühlen, was ich früher gefühlt habe.“

Also wird das Gefühl ausgelagert.
Was wir selbst nicht fühlen wollen, lassen wir den Partner fühlen.

Wir fühlen uns dabei als Opfer –
und werden unbewusst zum Täter.

Schutzstrategie 1: Distanzierung

„Ich brauche Luft – sonst gehe ich unter.“

Plötzlich bist du nicht mehr richtig da.
Du meldest dich seltener.
Du kommst später.
Du bist „beschäftigt“.

Vielleicht sogar ohne klaren Grund.

Was dahinterliegt

Als Kind hast du möglicherweise erlebt, dass du zu viel bist.
Dass du schuld bist, wenn Bindung nicht gelingt.
Also hast du gelernt: „nur in mir bin ich sicher.“

Was du nicht mehr fühlen willst

  • die Angst zur Last zu fallen
  • den Schmerz, nicht auszureichen
  • die Furcht, verlassen zu werden, wenn du dich zeigst

Was beim Partner ankommt

  • Zurückweisung
  • Selbstzweifel
  • das Gefühl, nicht wichtig zu sein

Täter-Opfer-Umkehr:
Du fühlst dich bedroht – dein Partner fühlt sich verlassen.

Schutzstrategie 2: Unberechenbarkeit

„Ich will Nähe – aber bitte nicht so.“

Einen Moment bist du liebevoll.
Im nächsten kalt oder gereizt.

Dein Partner weiß nie, woran er ist.

Was dahinterliegt

Vielleicht war Nähe früher unzuverlässig.
Mal da – mal entzogen.
Du hattest keine Kontrolle.

Heute rebellierst du innerlich, sobald Nähe entsteht.

Was du nicht mehr fühlen willst

  • Ohnmacht
  • Ausgeliefertsein
  • Kontrollverlust

Was beim Partner ankommt

  • Verwirrung
  • emotionale Unsicherheit
  • das Gefühl, falsch zu sein

Täter-Opfer-Umkehr:
Du schützt dich vor Ohnmacht – dein Partner erlebt sie.

Schutzstrategie 3: Abweisung

„Bevor du mich verletzt, stoße ich dich weg.“

Du wirst kritisch.
Abwertend.
Oder übertrieben sachlich.

Manchmal sogar verletzend.

Was dahinterliegt

Vielleicht hast du gelernt:
„Wenn ich alles kontrolliere, kann mir niemand wehtun.“

Abweisung gibt dir scheinbare Macht.

Was du nicht fühlen willst

  • Verletzlichkeit
  • Angst vor Wertlosigkeit
  • Zurückweisung

Was beim Partner ankommt

  • Entwertung
  • Angst
  • ein geschwächter Selbstwert

Täter-Opfer-Umkehr:
Du verteidigst deinen Selbstwert – und untergräbst den des anderen.

Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus unzähligen Variationen.

 

Warum wir uns genau diese Partner aussuchen

Unbewusst finden wir oft Menschen,
die sich nicht gut abgrenzen können.

Menschen, die hoffen und Schuld übernehmen.
Die zweifeln.
Die bleiben.

Nicht aus Bosheit.
Sondern weil das alte Muster bekannt ist.

Und genau hier wird die Täter-Opfer-Umkehr besonders schmerzhaft.

Wichtig: Du bist nicht falsch

Dieser Text soll keine Anklage sein.
Und auch keine Ausrede.

Du bist nicht „zu viel“.
Nicht „kaputt“.
Nicht schuld.

Aber:
Dein Verhalten hat Wirkung.

Und Bewusstsein ist der erste Schritt aus der Täter-Opfer-Umkehr.

Der Ausweg: Verantwortung statt Selbstverurteilung

Heilung beginnt nicht mit Kontrolle,
sondern mit Ehrlichkeit.

  • Ehrlichkeit dir selbst gegenüber
  • Ehrlichkeit im Kontakt mit deinem Partner

Nicht:
„So bin ich halt.“

Sondern:
„Das ist meine Angst – und ich übernehme Verantwortung dafür.“

Je mehr du deine Angst annimmst,
desto weniger muss sie die Beziehung steuern.

Fazit: Beziehung heilt dort, wo Angst gesehen wird

Die Täter Opfer Umkehr hält Beziehungen gefangen.
Aber sie ist kein Endpunkt.

Wenn beide beginnen zu verstehen,
was im anderen wirklich passiert,
kann aus Schuld Mitgefühl werden.
Aus Kampf Verbindung.

Und manchmal ist genau das der Moment,
in dem die Beziehung zwischen euch nicht zerbricht –
sondern endlich wirklich beginnt.

Mach dir dein Leben schön

Dein Uwe

Wie das Thema der Woche  mich betrifft

Wie ich vom Opfer zum Täter wurde

Die Kontrolle über meine Autonomie war mir immer heilig. Ich spürte einen tiefen inneren Zwang, zu viel Nähe und Verbindlichkeit, um jeden Preis zu untergraben. Welche Mittel ich dazu nutzte, war fast nebensächlich – Hauptsache, ich blieb unantastbar.

Ironischerweise empfand ich dabei eine seltsame Art von Empathie. Ich wollte meine Partnerinnen nicht verletzen – sondern vor mir beschützen. Dabei habe ich sie doch auf eine Weise gekränkt, die tief in ihr Selbstwertgefühl einschnitt. Es hat Jahre gedauert, bis ich erkannte, was ich da eigentlich tat.

Wenn Trennung zum stillen Angriff wird

Aggressive Konfrontationen waren nie mein Stil. Harmonie war mir zu wichtig – zumindest in der Illusion, die ich mir selbst erschaffen hatte. Doch anstatt meine Ängste ehrlich anzusprechen oder Verantwortung für meine Entscheidungen zu übernehmen, wich ich aus.

  • Ich verschwand wortlos (Ghosting).

  • Ich zog mich so sehr zurück, dass meine Partnerin keine andere Wahl hatte, als selbst die Trennung auszusprechen.

  • Ich sabotierte die Beziehung mit Desinteresse und Distanz, bis sie nicht mehr tragbar war.

So musste ich mich nicht mit den Gefühlen meiner Partnerin auseinandersetzen. Keine unangenehmen Diskussionen, keine Vorwürfe – und vor allem: keine eigene Verletzlichkeit. Stattdessen gab ich ihr all das zurück, was ich selbst nicht spüren wollte – Ohnmacht, Selbstzweifel, das Gefühl, nicht genug zu sein. Ein klassisches Beispiel für die perfide Dynamik der Täter-Opfer-Umkehr.

Trennungsgründe – oder nur ein Vorwand für Kontrolle?

Meine Gründe für eine Trennung? Sie fühlten sich immer real an. Doch im Nachhinein waren sie meist nur Vorwände, um mich selbst zu schützen.

Ich suchte mit der Lupe nach Fehlern. Denn solange es „gute Gründe“ gegen diese Bindung gab, musste ich mich nicht einlassen. Keine echte Nähe, kein Risiko, verletzt zu werden. Wenn ich die Kontrolle behielt, konnte mir niemand gefährlich werden. Und wenn ich die Trennung selbst in die Hand nahm, fühlte es sich wie ein Befreiungsschlag an – oder zumindest weniger schmerzhaft, als selbst verlassen zu werden.

Doch der Kreislauf begann mit jeder neuen Beziehung von vorn.

Als mir dieses Muster bewusst wurde, war ich schockiert. Ich ahnte oft schon kurz nach einer Trennung, dass mein Verhalten falsch war – aber ich konnte es nicht greifen, nicht in Worte fassen. Und mein Stolz verbot es mir, darüber zu sprechen.

Die Erkenntnis, die alles veränderte

Heute weiß ich, welchen Schmerz ich hinterlassen habe. Meine Partnerinnen haben mein Verhalten nicht als „seine Bindungsangst“ gedeutet. Sie haben es als Zeichen ihrer eigenen Unzulänglichkeit gesehen. Der Rückzug eines geliebten Menschen fühlt sich an, wie eine unsichtbare Ohrfeige – wir suchen den Fehler bei uns selbst, statt beim Partner, genau wie damals mit den Eltern.

Doch mein größtes Heilmittel war die Erkenntnis dieser Dynamik und meiner Illusion. Ich habe begonnen, mein Muster zu durchbrechen, indem ich mich mit meiner eigenen Angst auseinandergesetzt habe. Ich habe mir das Unbewusste bewusst gemacht.

Und ich habe eines gelernt: Verlassen werden tut weh – aber es wird mich nicht mehr umwerfen. Ich werde traurig sein, aber ich werde es überleben. Und genau darin liegt die Freiheit, die ich all die Jahre gesucht habe.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Conny

    Guten Morgen Uwe, wieder mal ein großartiger Newsletter mit viel klärendem Inhalt, und Impulsen zum nachdenken. Wenn wir es doch schaffen könnten, unsere Beziehung zu uns selbst in Verbundenheit zu gestalten, uns und unsere Ängste zu fühlen und uns mit ihnen auseinander zu setzen, und dann in Beziehung zu anderen, zum Partner zu gehen, dann wird „beziehungsunfähig war gestern“ noch ganzheitlicher und die Welt zu einem friedlicherem Ort. Bleib dran, ich wünsche Dir und der Welt, das Deine Impulse vielen einen schwungvollen Start in die Woche bringen, Pura Vida – Momente leben und erleben, herzliche Grüße Conny

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