Sicherheit in der Beziehung, trotz Verlustangst und Bindungsangst

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Wenn einer sucht und der andere flieht: Was „Sicherheit in der Beziehung“ wirklich bedeutet

„Sicherheit in der Beziehung bekommst du von mir nicht.“

Warum Verlustangst Kontakt will – und Bindungsangst in die Höhle kriecht

Ich erinnere mich an den Abend, an dem ich zu ihr sagte: „Ich brauche kurz Luft.“
Es war nicht gelogen. Es war auch nicht die ganze Wahrheit.
Die Wahrheit war: Nähe fühlte sich für mich wie ein zu heller Scheinwerfer an. Ich hatte das Gefühl, jeder Schritt auf mich zu würde mich kleiner machen.
Sie hörte in meinen Worten nur eins: „Du bekommst keine Sicherheit in der Beziehung.“
Und dann tat sie, was verletzte Herzen tun: Sie suchte die Verbindung. Mehr Nachrichten, mehr Kontrolle, mehr Druck und mehr Fragen. Mehr „Wo bist du?“.
Je näher sie kam, desto tiefer zog ich mich in meine Höhle zurück.

Zwei Menschen.
Zwei Nervensysteme.
Zwei Überlebensstrategien: Sie (verlustängstlich) hält mit Nähe die Ohnmacht aus. Ich (bindungsängstlich) halte mit Distanz die Überflutung aus.
Beide meinen es gut.
Beide treffen ins Herz des anderen.

 

Was unter der Oberfläche passiert (und warum das so logisch ist)

  • Verlustangst hat früher gelernt: „Verbindung ist überlebenswichtig. Wenn du alleine gelassen wirst, bist du in Gefahr.“ Das Nervensystem sucht deshalb Kontakt – anrufen, schreiben, reden, klammern, Verbindlichkeit. Den Partner nicht bei sich – unter Kontrolle zu haben – fühlt sich an wie sterben.
  • Bindungsangst hat früher gelernt: „Nähe ist nicht sicher – da ist niemand, der dich trägt, du musst es allein schaffen.“ „Zu viel Nähe kostet dich deinen Selbstausdruck. Wenn du Erwartungen erfüllen musst, verlierst du Freiheit und Würde.“ Das Nervensystem sucht deshalb Regulation durch Abstand – schweigen, arbeiten, aufräumen, joggen, raus.

Beide Strategien sind nicht falsch – sie sind alt, klug, konsequent. Als Kind waren sie überlebenswichtig, heute schaden sie deinen Beziehungen.
Nun passen sie wie zwei Zahnräder, die sich verhaken: Je mehr die/der Eine drückt, desto mehr zieht sich der/die Andere zurück. So stirbt das Gefühl von Sicherheit in der Beziehung – nicht, weil Liebe fehlt, sondern weil die alten Schutzsysteme laut sind.

 

Alltagsszenen, die du vielleicht kennst

  • Nachrichtenflut vs. Lesebestätigung.
    Du schreibst: „Alles okay?“ – drei Mal. Er liest und antwortet nur kurz mit „Ja“ oder gar nicht. Du hörst: „Du bist mir nicht wichtig.“ Er denkt: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ohne mich zu verheddern.“
  • „Wir müssen reden“ vs. „Lass es gut sein“.
    Du willst Dinge klären; er will Frieden im Kopf. Dein Drängen wirkt wie Druck, sein Schweigen wie Desinteresse.
  • Wochenende zu zweit vs. Pläne mit Freunden.
    Du brauchst seine Nähe zum Auftanken, er braucht Autonomie zum Atmen. Beide ringen um Sicherheit in der Beziehung – nur auf entgegengesetztem Weg.
 
 
 

Was wir tun, um uns sicher zu fühlen – und was darunter liegt

Verhalten (oben sichtbar)

Worum es tief darunter geht

Viel schreiben, anrufen, Nähe suchen

Panik vor Verlust, Bedürfnis nach Kontrolle und gesehen werden

Gespräche sofort klären wollen

Angst vor innerer Ohnmacht und Fantasie-Katastrophen

Nachfragen: „Wie meinst du das?“

Bedeutungs-Sicherheit statt Schwebezustand

Rückzug in Arbeit/Hobbys

Reizreduktion, Selbstschutz vor Überflutung

Schweigen, ausweichen

Vermeidung von Scham, Kritik, Überforderung

„Ich brauche Freiraum“ ohne Rückkehrzeit

Autonomie sichern, ohne Verbindung zu verlieren (oft fehlt das Rückkehr-Signal)

Flapsige Witze, Ironie

Distanzieren von verletzlichen Gefühlen. Angst vor Konflikt

Kontrolle (Regeln, Tests)

Sicherheit erzwingen, statt Sicherheit in der Beziehung zu gestalten

Merksatz: Wir alle regulieren uns. Die Frage ist nur, ob wir es gegeneinander oder miteinander tun.

 

Auswege: Wie „Sicherheit in der Beziehung“ wirklich entsteht

  1. Sprache fürs Nervensystem finden
    Sag nicht: „Du klammerst/du bist kaltherzig.“
    Sag: „Mein System braucht gerade Nähe/Ruhe.“ So bleibst du beim Erleben, nicht beim Urteil.
  2. Rendezvous statt Rückzug
    Distanz ist okay – wenn sie verlässlich eingebettet ist:
    „Ich bin überflutet. 40 Minuten spazieren, dann 19:30 am Küchentisch – ich komme zurück.“
    Das ist Sicherheit in der Beziehung in einem Satz.
  3. Co-Regulation üben
    Atmen Hand in Hand, 60 Sekunden Blickkontakt, Rücken an Rücken sitzen. Keine Analyse, nur Dasein. Für Verlustängstliche das Beruhigungsmittel; für Bindungsängstliche die Dosis Nähe, die verkraftbar ist.
  4. Ich-Botschaften statt Forderungen
    „Ich werde unsicher, wenn es still wird. Könntest du mir sagen, wann du wieder bereit bist, zu reden?“ – das lädt ein, statt zu bedrängen.
  5. Mikro-Absprachen
    Kleine, wiederholte Vereinbarungen („Kurzzeichen, wenn du Zeit brauchst“, „Ein Satz, wenn du angekommen bist“) bauen Sicherheit in der Beziehung wie Ziegel aufeinander.
  6. Selbstregulation lernen
    Verlustängstlich: Bodyscan, warme Decke, langsames Ausatmen, „Name it to tame it“. (Benenne es, um es zu zähmen)
    Bindungsängstlich: kurze Pausen mit Rückkehr, Klarkommunikation statt Verschwinden, körperliche Erdung statt Flucht in den Kopf.
 

Wie ich mich ertappe – und dann wirklich in Beziehung gehe

Neulich. Es war wieder so weit.
Sie fragte: „Was ist los mit dir? Ich spüre dich nicht.“
In mir stieg dieses alte Brennen auf: „Lass mich! Ich kann das nicht schon wieder.“
Früher wäre ich duschen gegangen, länger, lauter, kälter.
Diesmal blieb ich stehen. Ich ertappte mich beim Reflex – und hob die Hand wie ein Stoppschild, aber nicht gegen sie, sondern für uns.

„Ich bin gerade überflutet“, sagte ich langsam. „Mein Körper will fliehen. Ich möchte zehn Minuten alleine sein, dann setze ich mich zu dir auf die Couch. Ich verspreche, ich komme zurück.“

Sie nickte. Keine Debatte.
Ich ging und kam wieder, obwohl mir das anfangs schwerfiel.
Dann setzte ich mich – legte die Hand auf mein Herz: „Okay. Jetzt. Ich hab Angst, mich zu verlieren, zu versagen, wenn du Nähe willst. Und ich will dir wichtig sein. Hilfst du mir, über meine Gefühle zu sprechen?“

Sie atmete hörbar aus. Lehnte sich an mich.
Wir redeten. Nicht perfekt. Aber echt.
Zum ersten Mal fühlte sich Distanz nicht wie Trennung an – sondern wie ein Bogen, der wieder zurück führt.
Das war Sicherheit in der Beziehung: Nicht die Abwesenheit von Triggern, sondern die Gewissheit der Rückkehr.

 

Mini-Werkzeugkasten für beide Seiten

  • Für Verlustangst:
    • Ersetze „Du lässt mich allein!“ durch „Ich werde gerade sehr unsicher. Kannst du mir ein Zeitfenster geben?“
    • Pflege Selbstberuhiger: warmes Getränk, Atmen 4-6, Hände reiben, kurzen Walk.
    • Vereinbare Check-ins statt Dauer-Kontakt.
  • Für Bindungsangst:
    • Sag frühzeitig: „Ich merke Druck. Ich brauche X Minuten, und dann bin ich wieder da.“
    • Vermeide Ghosting um jeden Preis – es zerstört Sicherheit in der Beziehung.
    • Übe kleine Dosen Nähe: Blick, Berührung, ein ehrlicher Satz.
  • Für euch als Team:
    • Ein „Rückkehr-Ritual“ (z. B. Tee kochen und 10 Minuten in Ruhe sitzen).
    • Ein „Codewort“ für Überflutung (z. B. „Ampel gelb“).
    • Ein fester wöchentlicher Beziehungstermin (30–45 Min., keine To-Dos, nur ehrliches Mitteilen).
 
 
 

Fazit: Sicherheit ist kein Versprechen, sondern ein Verhalten

„Sicherheit bekommst du von mir nicht“ – dieser Satz war meine Ausrede, weil ich meine Reaktionen nicht verstand.
Heute weiß ich: Sicherheit in der Beziehung heißt nicht, dass nie jemand Angst hat. Es heißt, dass wir mit der Angst ehrlich umgehen, statt sie gegeneinander zu regulieren.

Sicherheit entsteht, wenn Distanz verabredet ist und Nähe dosiert.
Wenn Rückzug eine Runde macht und wieder ankommt.
Wenn Worte Brücken bauen und nicht Mauern.

Dann wird die Höhle zur Rast – und nicht zur Flucht.
Dann wird das Handy nicht zur Leine – sondern zur Laterne.
Und dann spüren beide: Wir sind nicht fertig – aber wir sind gemeinsam unterwegs.

Mach dir dein Leben schön

Dein Uwe

P.S. Zu vielen Themen gebe ich ganz private Einblicke in mein Leben und mein Learning. Falls dich das interessiert, lies unter dem roten Button weiter…

Wie das Thema der Woche  mich betrifft

Verbindlichkeit war für mich immer wie eine Strafe. Wenn ich sagen sollte, wann ich wieder da bin, wann ich etwas entscheide, wann ich zu etwas bereit bin usw. All das bedeutete für mich, unfrei zu sein, meine Selbstbestimmung zu verlieren.

Es fühlte sich immer an, wie einen Teil von mir zu verraten. Wenn ich dennoch eine Zusage einging, stresste sie mich, und ich erfand immer wieder Ausreden, (welche ich selbst glaubte) um mich zu entziehen. Selbst wenn ich nicht darum herumkam, verspätete ich mich, um wenigstens ein wenig Autonomie zu behalten.

Ich machte das nicht bewusst, sondern eher automatisch. Wenn mich damals jemand fragte, warum ich so unzuverlässig bin, konnte ich es nicht benennen. Es war einfach ein weiterer Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmt. Ich versuchte augenscheinlich mein Bestes, aber das war wohl zu wenig.

Ich konnte nicht verstehen, warum Sicherheit in der Beziehung für meine Partnerinnen so ein großes Thema war, hatte ich doch früh gelernt, dass ich nur in mir selbst sicher bin. Auf andere konnte ich mich nie verlassen, also vertraute ich mir selbst. Hier, in mir selbst, fand ich meine Sicherheit.

Dass meine Freundinnen die Welt ganz anders sahen, und diese Sicherheit in sich selbst nicht finden konnten, teilten sie mir mehr oder weniger subtil mit. Doch ich hatte keine Ahnung, was das mit mir und meinem Handeln zu tun hatte.

Logischerweise verstärkten meine Partnerinnen durch mein Verhalten den Druck, denn sie wollten die Kontrolle zurück, fühlten sich ohnmächtig und falsch. Die Erwartungen und Drohungen nahmen zu, das Beziehungsklima wurde kälter.

Das kam gar nicht gut bei mir an. Erwartungen und Zwang führten bei mir zu totaler Rebellion, allerdings nicht offen, sondern passiv-aggressiv. Ich zog mich noch öfter zurück, kam später zurück, fühlte mich unverstanden und stellte die Beziehung infrage.

 

Ein Erwachen

Als ich das Spiel durchschaute, und merkte, warum ich mich auf diese trennende Weise verhielt, änderte sich vieles. Ich hielt inne, wenn ich es bemerkte, und ich konnte mich anders entscheiden.
Ich lernte, mich mit meinem Muster zu zeigen, und meiner Partnerin zu erklären, was in mir vorging. Sie nahm das auf, und berichtete im Gegenzug von ihrer Innenwelt. Nicht als Vorwurf, sondern als ehrliches Mitteilen.

Allein das gegenseitige Verständnis beruhigte uns enorm, dachten wir doch meist, dass wir selbst etwas falsch gemacht hätten.
Im Gespräch über das, was wir so alles gegenseitig interpretierten, setzte bereits Heilung ein. Wir konnten die Gefühle und Gedanken aussprechen, die uns selbst betrafen, und auch ansprechen, wenn der Partner wieder in sein Muster verfiel.

Das war oft unbequem, vor allem wenn die alte Strategie unbewusst ablief, doch nach der ersten Wut konnten wir darüber sprechen. Das, was ich bisher mit mir selbst ausgemacht hatte, brachte ich nun Stück für Stück nach außen.

Die gegenseitigen Schutzstrategien fühlten sich nicht mehr bedrohlich an, und einer von uns war meist in der Lage, die Dynamik zu unterbrechen.

Mit der ausdrücklichen Erlaubnis meiner Partnerin, mich zurückziehen zu dürfen, spürte ich weniger Druck und Erwartung. Ich hatte ein Stück Selbstbestimmung zurück.
Auch sie fühlte sich weniger verletzt, wenn ich mich zurückzog, denn zum einen wusste sie, dass ich wiederkomme, und zum anderen verstand sie, was bei mir in dem Moment abläuft.

Damit verbunden war, dass der Druck und die Erwartungshaltung von ihrer Seite zurückgingen. Sie fühlte sich sicherer, und das fühlte sich auch für mich gut an. Auch deshalb ist mein Impuls, mich zurückzuziehen, kaum mehr wahrnehmbar.

Ich mache immer noch einiges mit mir selbst aus, aber das gegenseitige Verständnis, und das Gefühl in der Beziehung, haben sich drastisch entspannt. Denn wir sind heute in echter Verbindung.

 

Reflexion

Wie bedrohlich empfindest du Kontrolle und Erwartungsdruck?

Wieviel Sicherheit suchst du im Außen, weil du sie in dir nicht findest?

Hast du dich jemals in die Schuhe deines Partners gestellt, und seine Perspektive anprobiert?

Was brauchst du, um dir selbst und deinem Partner zu vertrauen?

Mach dir deine Beziehung schön,

Dein Uwe

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