Wir glauben zu wissen, was der andere fühlt, und sabotieren unsere Beziehung

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Es sind nicht die Worte, die verletzen – es ist das Ungesagte.

 

Warum wir glauben zu wissen, wie der andere denkt und fühlt.

„Alles okay?“

Marie sieht David an. Er antwortet mit einem kurzen: „Ja, alles gut.“

Aber irgendetwas stimmt nicht. Seine Stimme klingt distanziert. Sein Blick weicht aus. Marie spürt, wie sich ein Kloß in ihrer Kehle bildet. Ihr Kopf beginnt zu rattern: Bestimmt ist er genervt von mir. Vielleicht liebt er mich gar nicht mehr. Oder er will mich verlassen und weiß nicht, wie er es sagen soll.

David hat eigentlich nur gesagt: „Ja, alles gut.“
Aber Marie glaubt zu wissen, was dahintersteckt.

Und genau das ist der Punkt, an dem ihre Bindungsangst übernimmt.

Wenn das Ungesagte lauter wird als die Realität

Kennst du das? Jemand sagt etwas – oder sagt eben nichts – und du interpretierst es sofort?

  • Dein Partner schreibt nicht zurück → „Bestimmt ist er sauer!“
  • Jemand seufzt in einem Gespräch → „Er hält mich für dumm!“
  • Dein Gesprächspartner gähnt → „Er interessiert sich nicht für mich!“
  • Dein Gegenüber sagt was er denkt → Er redet sich nur raus!“
  • Ein Freund sagt ein Treffen ab → „Er mag mich nicht mehr!“

Unsere Gedanken erschaffen Geschichten, die nicht unbedingt wahr sind. Wir glauben zu wissen, was der andere denkt oder fühlt – und oft liegen wir völlig falsch.

Marie hat das jahrelang erlebt. Ihre Eltern waren oft emotional unerreichbar. Wenn sie traurig war, hörte sie Sätze wie: „Jetzt stell dich nicht so an.“, oder  „Es gibt keinen Grund zum Traurig sein“.  Wenn ihre Mutter schwieg, wenn sie wütend war –musste Marie erraten, was los war.

Und genau das tut sie heute noch in ihren Beziehungen.

Exkurs in unsere Wahrnehmung:

Wir glauben unbewusst, dass andere die Welt genauso sehen, wie wir. Doch das ist extrem unwahrscheinlich, denn unsere Realität hat viel mehr mit unseren individuellen Erfahrungen und unserer Herkunft zu tun, als mit der objektiven Realität.

Du siehst die Welt nicht wie sie ist, Du siehst die Welt so wie du bist. Das bringt es in einem Satz auf den Punkt, doch was bedeutet es?

Wenn unser Partner Informationen weglässt, oder wir das gesagte nicht glauben wollen, füllen wir diese Leere mit für uns plausiblen Informationen. Leider haben diese Informationen nichts mit unserem Partner zu tun. Es hat etwas mit unserm Selbstbild zu tun (bin ich liebenswert?), und mit unserem Weltbild (ist die Welt sicher und vertrauenswürdig?)

Sowohl das Selbstbild, als auch das Weltbild spielen in der Bindung eine zentrale Rolle, denn nirgends sind wir verletzlicher als in diesem Lebensbereich.

Das was wir Interpretieren, ist demnach meist das, was wir in dieser Situation an dessen Stelle sagen, denken oder tun würden. Mit unseren Erlebnissen, mit unserem Elternhaus, mit unseren Glaubenssätzen, und mit unserem Selbstwert. Das ungesagte legen wir meist gegen uns selbst aus.

Da Bindungsängstliche sich meist in einer Partnerschaft finden, und beide viel in ihrer eignen Welt leben, entstehen sehr weite Projektionsflächen. Riesige Flächen für falsche Interpretationen.

Wir glauben zu wissen, was der andere braucht, oder womit wir ihn nicht belasten dürfen. Wir glauben zu wissen was der andere erwartet, und dass unsere Erwartungen zu viel sind. Wir wollen Leichtigkeit, und sähen Missverständnis. Wir wollen Harmonie, und ertrinken in kalter Wut.

Warum wir glauben zu wissen, was andere denken – und wie es unsere Beziehung zerstört

Warum interpretieren wir so viel in das Verhalten anderer hinein?

💔 Frühere Erfahrungen prägen unsere Wahrnehmung:
Wenn du als Kind oft nicht wusstest, woran du bei deinen Eltern warst, hast du gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Dein Überlebensinstinkt hat dich dazu gebracht, kleinste Signale zu deuten, um vorbereitet zu sein.

💔 Bindungsangst verstärkt die Angst vor dem Ungesagten:
Wenn du Angst vor Nähe hast oder dich nicht liebenswert fühlst, kann jedes Schweigen als Ablehnung wirken. Du spürst eine Distanz – und dein Kopf sucht nach Erklärungen.

💔 Wir vermeiden direkte Kommunikation:
Statt nachzufragen, flüchten wir in Annahmen. „Wenn ich nachfrage, könnte ich eine Antwort bekommen, die mir nicht gefällt.“ Also bleiben wir lieber bei unserer (oft schmerzhaften) Interpretation.

💔 Wir spielen heile Welt:
Wir sagen nicht was uns bewegt. „Wenn ich meine Themen anspreche störe ich die Harmonie und werde vielleicht abgelehnt“ Wir halten uns zurück, doch der Partner spürt die negative Energie im Raum.

💔 Wir projizieren unsere Themen:
Wir glauben zu wissen wie der andere fühlt. „mich würde das nerven, wenn er das ansprechen würde“ Also schweigen wir, und machen es mit uns selbst aus.

Marie fragt David nicht direkt, ob wirklich etwas nicht stimmt. Sie zieht sich zurück – und er versteht plötzlich gar nichts mehr.

 

Der Ausweg: Wie wir uns von falschen Interpretationen befreien

👉 1. Erkenne deine Muster

  • Wann passiert es dir, dass du etwas hineininterpretierst?
  • Welche Annahmen tauchen immer wieder auf?

👉 2. Werde dir bewusst: Gedanken sind keine Fakten!
Nur weil du denkst, dass dein Partner sauer ist, heißt das nicht, dass es stimmt. Frage dich: „Gibt es eine andere Erklärung?“

👉 3. Sprich es aus – anstatt zu raten!
Statt in der eigenen Gedankenwelt gefangen zu bleiben, ist der mutigste Schritt: Nachfragen.

Marie könnte David einfach fragen:
„Ich habe das Gefühl, dass dich etwas beschäftigt. Magst du mir sagen, was los ist?“

Vielleicht sagt er dann:
„Ich hatte nur einen anstrengenden Tag, es hat nichts mit dir zu tun.“

Und plötzlich fühlt sich alles leichter an.

Fazit: Die Wahrheit ist oft einfacher als unsere Gedankenwelt

Marie hat durch ihre Vergangenheit gelernt, ständig auf versteckte Botschaften zu achten. Doch in ihrer Beziehung zu David sabotiert sie sich damit selbst.

Denn es sind nicht die Worte, die verletzen – es ist das Ungesagte, das trennt.

Wir glauben zu wissen, was unser Gegenüber denkt. Doch in Wahrheit entfernen wir uns durch diese Annahmen nur weiter voneinander.

Der Schlüssel liegt darin, den Mut zu haben, zu fragen statt zu raten.

Denn oft ist die Realität viel harmloser als unsere Vorstellung. ❤️

Mach dir dein Leben schön

Dein Uwe

P.S. Zu vielen Themen gebe ich ganz private Einblicke in mein Leben und mein Learning. Falls dich das interessiert, lies unter dem roten Button weiter …

Wie das Thema der Woche  mich betrifft

 

Es steht mir nicht zu. In meinem Weltbild bin ich zu viel, weil meine Eltern andere Sorgen hatten. Also darf ich nicht zur Last fallen, muss mich ganz leicht machen, es mit mir selbst regeln. Was mich beschäftigt, interessiert keinen, ich muss meine Eltern vor mir schützen. 

Das konnte ich gut. Ich übernahm die Verantwortung für die Bindung zu ihnen, indem ich sie vor meinen Themen bewahrte. So blieben mir mehr harmonische Momente mit ihnen.

WICHTIG: (Es war meine kindliche Interpretation, mein kindliches Erleben einer Situation, die ich nicht verstehen konnte. Meine Eltern waren nicht wirklich überfordert, tatsächlich haben sie sich sehr um mich bemüht. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass ich mehr Liebe und Zuneigung bekomme, wenn ich nur die positiven Stimmungen zeige und alles andere zurückhalte.)

Ich zeigte keine Gefühle, sprach nicht über meine Sorgen und Probleme, und je mehr jemand nachfragte, desto mehr verweigerte ich mich. 

Mein einziger Leidensgenosse war mein Kuscheltier, dem vertraute ich alles an. (Das stimmte allerdings schon damals nicht, denn alle anderen litten auf ihre eigene Weise darunter.)

Die Strategie ging auf, ich war der Sonnenschein, und mein Bruder das Sorgenkind. Ich bekam ein wenig mehr Aufmerksamkeit und die heiß ersehnte Bestätigung.

Aus dieser Strategie wird eine Überzeugung

Diese Strategie begleitet mich mein ganzes Leben lang, damals war sie der Bindung nützlich, heute erzeugt sie Leid. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich diesen Hintergründen auf die Spur gekommen bin. Wie viele meiner Beziehungen hätten eine echte Chance gehabt, wenn ich mich gezeigt hätte? Doch genau das machte mir Angst, denn ich bin ja zu viel.

Selbst heute erwische ich mich immer wieder, wie ich glaube zu wissen, was andere aushalten können, und was ich lieber nicht mit ihnen teile. Was sie langweilt, und was sie wirklich interessieren könnte. Und dass ich nicht um Hilfe bitte, weil ich niemandem zur Last fallen will.

Dieser Filter ist gnadenlos, denn es bleibt nicht viel an Interaktion. Das, was übrigbleibt, hat wenig mit mir zu tun, eher mit dem, der ich gerne wäre. Und alles, was wir tun oder unterlassen, sagen oder verschweigen, wird vom außen interpretiert. Diese Story ist selten so nett wie die Realität.

Aus Gesprächen, die ich später mit Ex-Partnerinnen führte, weiß ich, was für eine verschobene Realität dabei entstehen kann. Und sie fühlt sich so wahr an. Jahrelang hatten wir beide schmerzliche Überzeugungen über den anderen, welche die Beziehung nachhaltig beschädigten. 

Oft glaubten wir unserer Interpretation mehr als den Worten der Erklärung. Was ich mir seit Wochen einrede, kann nicht einfach mit einer rationalen Begründung ausgehebelt werden – sei sie noch so wahr.

Ein neuer Weg

Heute höre ich regelmäßig in mich rein. Wie geht es mir? Was beschäftigt mich aktuell? Was brauche ich gerade? Kann mir jemand dabei helfen? Möchte ich das mit meinen Liebsten teilen? Und wenn nein – was hält mich zurück.

So merke ich es heute meist selbst, wenn ich etwas Wichtiges zurückhalten will. Dann kann ich eine neue Entscheidung treffen, indem ich aus dem „verletzten Kind“ in mein „erwachsenes Ich“ wechsle.

Oft macht mich auch meine Partnerin darauf aufmerksam, wenn ich Dinge nicht anspreche, spürt, wann mir etwas auf der Seele liegt, und unterstützt mich so dabei, meine tief liegenden Muster zu durchbrechen. Und sie baut dabei keinen Druck auf. Für all das bin ich ihr sehr dankbar.

Wo hast du das Gefühl, „zu viel“ zu sein, oder andere vor dir beschützen zu müssen.
Was erhoffst du dir durch dein Verhalten?
Gehst du so mit deinem Partner in Verbindung oder auf Distanz?
Kannst du erahnen, wie es deinem Partner damit geht?

Mach dir deine Beziehung schön,

Dein Uwe

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