Gefühle verdrängen: Der stille Selbstverrat hinter emotional Bypassing

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Gefühle verdrängen – warum wir Beziehungen retten wollen und dabei uns selbst verlieren

 

„Alles gut.“

Der Satz kam schnell. Zu schnell.

Seine Partnerin hatte gerade gesagt, dass sie mehr Abstand brauche.
Und obwohl sich etwas in seiner Brust zusammenzog, lächelte er.

„Kein Problem. Ich verstehe das.“

Innerlich fühlte es sich ganz anders an.
Da war Angst.
Unsicherheit.
Vielleicht auch Wut.

Doch statt diese Gefühle zu zeigen, tat er etwas, das viele Menschen – besonders bindungsängstliche und verlustängstliche – perfektioniert haben:

Er zeigte sich souverän und sicher, und verdrängte seine Gefühle.

Nicht um stark zu erscheinen. Auch nicht aus Schwäche.
Sondern aus Angst, die Beziehung zu gefährden.

 

Emotional Bypassing – wenn wir Gefühle überspringen

Wenn Menschen Gefühle verdrängen, passiert das selten bewusst.

Es zeigt sich subtil:

  • Wir erklären unsere Emotionen weg.
  • Wir rationalisieren.
  • Wir bleiben „vernünftig“.
  • Wir sagen: „So schlimm ist es nicht.“
  • Wir glauben: „Meine Gefühle belasten die Beziehung“

In der Psychologie spricht man hier oft von emotionalem Bypassing.

Wir umgehen unsere Gefühle, weil wir glauben, dass sie gefährlich sind.

Gefährlich für die Beziehung.
Gefährlich für die Harmonie.
Gefährlich für unser Bild von uns selbst.

Doch der Preis dafür ist hoch.

Denn während wir versuchen, die Bindung zu schützen,
verraten wir etwas anderes:

uns selbst.

 

Warum besonders bindungsängstliche und verlustängstliche Menschen Gefühle verdrängen

Für viele Menschen mit Bindungs- oder Verlustangst ist das Verdrängen von Gefühlen eine alte Überlebensstrategie. Um geliebt und angenommen zu sein, stellen sie die Gefühle und Bedürfnisse des Gegenübers über die eigenen. Eigene Gefühle sind dabei hinderlich, und wurden schon als Kleinkind abgespalten.

Sie haben früh gelernt:

  • Wenn ich zu viel fühle, bin ich zu anstrengend.
  • Wenn ich meine Bedürfnisse zeige, werde ich verlassen.
  • Wenn ich ruhig und angepasst bleibe, bleibt die Beziehung stabil.

Also passiert etwas Paradoxes:

Wir schützen die Beziehung – indem wir uns selbst unsichtbar machen.

Doch eine Beziehung, die nur existiert, weil du dich emotional zurücknimmst,
ist keine echte Sicherheit.

Sie ist eine stille Anpassung.

 

Checkliste: Gefühle verdrängen – was wir vermeiden wollen vs. was tatsächlich passiert

Was wir versuchen zu verdrängen

Was wir stattdessen bekommen

Angst vor Verlust

Dauerhafte innere Unruhe

Wut über Grenzüberschreitungen

Passive Frustration

Traurigkeit

Emotionale Taubheit

Bedürfnisse

Selbstzweifel

Enttäuschung

unterschwelligen Groll

Das Problem ist nicht das Gefühl selbst.

Das Problem ist, dass unterdrückte Gefühle nicht verschwinden.

Sie tauchen wieder auf –
als Stress, Frust, Distanz oder Konflikt.

 

Der Moment der Ehrlichkeit

Irgendwann kam der Moment.

Er saß abends auf der Couch und merkte:
Das Lächeln vom Nachmittag fühlte sich falsch an.

Nicht, weil seine Partnerin Abstand wollte.

Sondern weil er sich selbst nicht erlaubt hatte, ehrlich zu sein.

Nicht dramatisch.
Nicht vorwurfsvoll.

Einfach ehrlich.

„Eigentlich macht mir das gerade Angst.“

Und genau hier beginnt oft der Wendepunkt.

Nicht wenn Beziehungen perfekt sind.
Sondern wenn wir aufhören, unsere Gefühle zu verdrängen, um sie zu retten.

 

Fragen & Antworten: Gefühle verdrängen

Oft aus Schutz. Das Nervensystem hat gelernt, dass bestimmte Emotionen zu Konflikten oder Ablehnung führen können. Gefühle zeigen offenbart Verletzlichkeit und Schwäche.

Kurzfristig kann es helfen, mit Stress umzugehen. Langfristig führt es jedoch häufig zu innerer Distanz, Stress und Beziehungskonflikten.

Typische Anzeichen sind emotionale Taubheit, übermäßiges Rationalisieren oder das Gefühl, „funktionieren“ zu müssen.

Emotionales Bypassing bedeutet, unangenehme Gefühle zu umgehen – etwa durch Rationalisierung, Ablenkung oder positives Denken. Das geht oft so weit, dass die Gefühle nicht mehr wahrgenommen werden.

Bindungsängstliche und verlustängstliche Menschen haben gelernt, dass sie sich Liebe und Annahme durch Anpassung verdienen müssen. Probleme, Gefühle und Sorgen zu haben belastet die Beziehungspartner. „Ich muss stark sein“, oder „Ich darf nicht zur Last fallen“ sind die zentralen Glaubenssätze.

Der erste Schritt ist Wahrnehmung: Gefühle benennen, ohne sie sofort erklären oder lösen zu wollen.

 

Der mutigste Schritt

Viele Menschen glauben, Beziehungen würden an Emotionen zerbrechen.

Doch in Wirklichkeit zerbrechen sie oft an etwas anderem:

an unausgesprochenen Gefühlen.

Wenn du ständig versuchst, Gefühle zu verdrängen, um die Beziehung zu schützen, passiert etwas Tragisches:

Du wirst immer anpassungsfähiger.
Immer verständnisvoller.
Immer kontrollierter.
Immer befremdlicher für deinen Partner.

Und gleichzeitig immer weiter entfernt von dir selbst.

Vielleicht ist der mutigste Satz in einer Beziehung deshalb nicht:

„Ich liebe dich.“

Sondern:

„Das macht gerade etwas mit mir.“

Denn echte Nähe entsteht nicht, wenn wir perfekt funktionieren.

Sondern wenn wir aufhören, uns selbst zu übergehen.

 

Mach dir dein Leben schön

Dein Uwe

P.S. Zu vielen Themen gebe ich ganz private Einblicke in mein Leben und mein Learning. Falls dich das interessiert, lies unter dem roten Button weiter…

Wie das Thema der Woche  mich betrifft

 

Keine Gefühle zu zeigen, empfand ich immer als Vorteil. Wenn keiner sieht, wie ich leide, falle ich nicht zur Last, und bin weniger angreifbar. „Ich bin stark – Stark für uns beide“. Das war meine Identität. „Niemand kann meine Last tragen“, war meine Überzeugung. „Ich mache es mit mir selbst aus“ war mein Opfer an die Welt, denn daran, dass ich zu viel bin, gab es keinen Zweifel.

Schon als Kleinkind hatte ich interpretiert, dass meine Bezugspersonen mit sich und meinem Bruder überfordert sind – mich nicht halten können. Also habe ich meine Last selbst gehalten, um meine Eltern zu entlasten, damit sie somit mehr Kapazität haben, mich anzunehmen und zu lieben.

Beschützt „Gefühle verdrängen“ meine Bindungen?

Ich übernahm allerdings nicht nur die Verantwortung für meine Belange. Für die Bindung zu meinen Eltern wie auch für die Bindung der Familie untereinander, fühlte ich mich ebenfalls verantwortlich. Nur wenn ich diese Bindungen beschütze, bleibt genug Aufmerksamkeit für mich, und ich werde überleben.

Starke Gefühle waren zu viel für diese Bindungen. Trauer, Angst und Wut überforderten meine Eltern, also zeigte ich keine „negativen“ Gefühle mehr. Außerdem standen eigene Gefühle der Anpassungsleistung im Weg, wenn ich die Bedürfnisse der anderen erfüllen wollte. Meine Trauer oder Wut hat keinen Raum, wenn ich gleichzeitig Trost spenden muss.

Beschützt „Gefühle verdrängen“ mich selbst?

Später in der Schule war das „Gefühle verdrängen“ sehr nützlich, wenn ich gehänselt oder gemobbt wurde. Meine Mutter erklärte mir: „Wenn ich die anderen ignoriere und meinen Schmerz nicht zeige, verlieren sie schnell das Interesse. „Konfrontation vermeiden, und nicht zeigen, was in mir abgeht“, war die Botschaft, und vermeintlich auch meine Rettung. Es funktionierte.

Ich wurde zum Meister, meine Gefühle und Bedürfnisse zu verbergen, und fühlte mich deshalb anderen gegenüber oft überlegen – doch das hatte einen hohen Preis. Ich verlor den Kontakt zu mir selbst, und merkte es nicht einmal. Wenn andere mich fragten, was ich mir wünsche, was ich brauche oder was ich will, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was sie damit meinen.

Es ist unmöglich, nur ungeliebte Gefühle zu verdrängen

Leider verlor ich damit einen großen Teil meiner Ausdruckskraft, denn mit den vermeintlich schlechten Gefühlen, gingen auch die guten. Das machte nicht nur mein eigenes Leben grau und fade, auch meine Beziehungen waren dadurch oberflächlich. Meine Partnerinnen konnten mich nicht lesen, und drangen auch nicht zu mir durch.

Auch nach Jahren hatten sie keine Ahnung, wer ich wirklich bin, oder wie ich zu ihnen stehe. Ich hatte noch immer den inneren Auftrag, die Bindung zu beschützen, und mich ganz leicht zu machen. In der Folge verlor ich mich selbst in den Beziehungen. Ich beschützte meine Partnerinnen vor meinen Gefühlen und Bedürfnissen, und nahm ihnen damit die Chance der Selbstverantwortung.

„Alles gut“ war die Standardantwort auf viele Konfrontationen und Anliegen meiner Mitmenschen. Allerdings hörte ich nicht in mich hinein, ob es wirklich gut ist. Ich wusste, dass dies die einzige Antwort ist, die mir zusteht. Meine Bedürfnisse und Gefühle hatten noch nie eine Berechtigung, warum sollte es hier anders sein? Außerdem muss ich doch stark und leicht sein.

Passiv-aggressives Verhalten zerstörte meine Beziehungen

Ich war frustriert, weil ich nicht gesehen wurde – dabei war ich es selbst, der sich nicht zeigte. Passiv aggressives Verhalten meinerseits, um meinem Frust ein Ventil zu geben, zerstörte all meine Beziehungen. Natürlich suchte ich mir unbewusst Partnerinnen, die mein Muster perfekt unterstützten.

Erst als ich die Dynamik durchschaute, und Schritt für Schritt den Kontakt zu meinen Bedürfnissen und Gefühlen wiederbelebte, stellten sich tiefere Verbindungen ein. Eine weitere Hürde war, diese Bedürfnisse auszusprechen, und meinen Gefühlen Raum zu geben. Dies fühlte sich bedrohlich an.

Es war ein weiter Weg von der Erkenntnis zu echter Beziehungsfähigkeit, aber er hat sich allemal gelohnt. Gefühle verdrängen mag sich nach einer Stärke anhören, ist aber aus einer tiefen Angst geboren, und macht echtes Beziehungsleben unmöglich. Und um dies zu ermöglichen, ging es doch ursprünglich.

Reflexion

Hast du Kontakt zu deinen Bedürfnissen und Gefühlen?
Bewertest du das „Gefühle verdrängen“ als Stärke, oder als Schwäche?
Kannst du Gefühlen Ausdruck verleihen, oder willst du andere davor beschützen?
Empfindest du es als fair, deinem Partner die Fähigkeit abzusprechen, damit umzugehen?
Steht es dir zu, dich mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen zuzumuten?

Mach dir deine Beziehung schön,

Dein Uwe

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Conny Brucks

    Großartig auf den Punkt gebracht, so ehrlich und authentisch und mutig.
    Denn als Mann ist es ja „noch“ gesellschaftsfähig – irgendwie.
    Das wir damit genau das Gegenteil dessen bewirken, wovor wir eigentlich Angst haben, ist:
    PSYCHO Logisch.

    Und dieses Verhalten führt bei ganz vielen Menschen tatsächlich zu Kopfschmerzen:
    sich ducken, sich klein machen, immer gefallen müssen, ist anstrengend, die Muskeln sind hochaktiv.

    Danke für diesen ehrlichen und so klaren Beitrag.

    1. Uwe Krämer

      Liebe Conny,
      Ich danke dir von Herzen für deinen Kommentar. Ich bin vollkommen bei dir – der innere Kampf sorgt nicht nur für innere Unruhe, sondern zeigt sich schnell auch auf physischer Basis in Schmerz, Verspannungen, Schlaflosigkeit usw.
      Leider wird auch hier meist an Symptomen herumgedoktert. Eine Schmerztablette ist bequemer, als mal zu sehen, wo es wirklich herkommt. Der Blick nach innen ist oft unbequem, dabei liegt hier oft ein Schatz begraben.

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