Ich muss anders werden, um die Beziehung zu schützen

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Ich werde zu dem Menschen, den du brauchst – und verliere dabei den Menschen, der ich bin

„Sag einfach, was du brauchst.“

Es ist ein ganz normaler Dienstagabend.

Ihr sitzt gemeinsam auf dem Sofa.

Dein Partner sagt einen Satz, der eigentlich liebevoll gemeint ist:

„Ich wünsche mir einfach ein bisschen mehr…“

Mehr Nähe.

Mehr Leichtigkeit.

Mehr Offenheit.

Mehr Gemeinsamkeit.

Du nickst.

Und während dein Partner noch spricht, beginnt in dir bereits etwas zu arbeiten.

Nicht:

„Was wünsche ich mir eigentlich?“

Sondern:

„Wie muss ich werden, damit das endlich funktioniert?“

Du hörst aufmerksam zu.

Machst dir innerlich Notizen.

Ich muss geduldiger sein.

Ich darf nicht so empfindlich sein.

Ich sollte lockerer werden.

Ich muss weniger klammern.

Oder weniger Distanz brauchen.

Und irgendwann entsteht daraus ein leiser Entschluss:

„Ich muss anders werden – mich noch mehr anstrengen.“

Denn wenn du anders wirst, so hoffst du, wird endlich alles gut.

 

Wenn Liebe zur Bewerbung wird

Viele Menschen mit Bindungsangst oder Verlustangst führen unbewusst ein Bewerbungsgespräch.

Nicht beim ersten Date.

Sondern während der gesamten Beziehung.

Sie fragen sich ständig:

Bin ich verständnisvoll genug?

Interessant genug?

Unkompliziert genug?

Genug?

Und fast unbemerkt verschiebt sich der Fokus.

Es geht nicht mehr darum, echt zu sein.

Sondern darum,

liebenswert zu wirken.

 

„Ich bin alles, was du dir wünschst.“

Dieser Satz klingt romantisch.

Fast selbstlos.

Doch häufig steckt etwas ganz anderes dahinter.

Nicht Liebe.

Sondern Angst.

Die Angst, dass das eigene, unverstellte Ich vielleicht nicht ausreicht.

Also beginnen viele Menschen, Symptome zu überspielen.

Sie lächeln, obwohl sie erschöpft sind.

Sie sagen Ja, obwohl sie Nein fühlen.

Sie wirken stark, obwohl sie sich nach Halt sehnen.

Sie geben Verständnis, obwohl sie sich selbst gerade unverstanden fühlen.

Nicht weil sie unehrlich sein wollen.

Sondern weil sie hoffen:

Wenn ich anders werde, werde ich endlich geliebt.

 

Das eigentliche Problem ist nicht dein Verhalten

Vielleicht denkst du:

„Ich muss weniger eifersüchtig sein.“

„Ich darf nicht so viel Nähe brauchen.“

„Ich muss unabhängiger werden.“

Oder:

„Ich muss lernen, mich mehr zu öffnen.“

Doch diese Gedanken greifen oft zu kurz.

Denn sie richten sich gegen das Symptom.

Nicht gegen den Grund.

Die eigentliche Frage lautet nicht:

„Wie kann ich anders werden?“

Sondern:

„Warum glaube ich überhaupt, anders werden zu müssen?“

 

Was du glaubst, nicht sein zu dürfen – und was du dabei übergehst

Was du glaubst, nicht sein zu dürfenWelche Bedürfnisse und Gefühle du übergehst
BedürftigDein Wunsch nach Nähe und Sicherheit
UnsicherDass du gerade Halt brauchst
TraurigDass etwas in dir gesehen werden möchte
WütendDass eine Grenze überschritten wurde
ÜberfordertDass dein Nervensystem eine Pause braucht
EigenständigDass dein Partner dich auch mit eigenen Bedürfnissen kennenlernen darf
VerletzlichDass echte Nähe nur entstehen kann, wenn beide ehrlich sein dürfen

Und nicht nur du zahlst einen Preis.

Auch dein Partner.

Denn wenn du immer nur die Version von dir zeigst, die funktionieren soll,

kann dein Gegenüber dich gar nicht wirklich kennenlernen.

Er begegnet einer Rolle.

Nicht dir.

 

Warum Bindungs- und Verlustängstliche besonders oft versuchen, anders zu werden

Menschen mit Verlustangst glauben häufig:

„Wenn ich besser werde, bleibt der andere.“

Menschen mit Bindungsangst denken eher:

„Wenn ich unkomplizierter werde, gibt es weniger Erwartungen.“

Beide versuchen, Sicherheit herzustellen.

Nicht durch Beziehung.

Sondern durch Selbstveränderung.

Doch Sicherheit entsteht selten dadurch, dass wir jemand anderes werden.

Sie entsteht, wenn wir erleben:

Ich darf ich selbst sein – und die Beziehung hält das aus.

 

Exkurs: Warum wir uns anpassen, statt uns zu zeigen

Psychologische Forschung beschreibt, dass Menschen ihre Gefühle und ihr Verhalten häufig anpassen, um Zugehörigkeit zu sichern und Ablehnung zu vermeiden. Besonders bei unsicheren Bindungsmustern kann die Sorge, nicht zu genügen, dazu führen, dass eigene Bedürfnisse unterdrückt werden. Langfristig steigt dadurch jedoch häufig die emotionale Belastung, weil Authentizität und Selbstwert darunter leiden. Erkenntnisse aus der Bindungsforschung und der Selbstbestimmungstheorie weisen darauf hin, dass dauerhafte Beziehungen besonders dann stabil sind, wenn beide Partner sich mit ihren Bedürfnissen zeigen dürfen. Dazu haben unter anderem Edward L. Deci und Richard M. Ryan geforscht.

Selbstbestimmungstheorie

 

Eine Alltagsszene, die du vielleicht kennst

Du bist müde.

Eigentlich möchtest du den Abend allein verbringen.

Doch dein Partner freut sich auf gemeinsame Zeit.

Also sagst du:

„Klar, machen wir.“

Ihr schaut einen Film.

Du lachst an den richtigen Stellen.

Alles wirkt harmonisch.

Und trotzdem gehst du später mit dem Gefühl ins Bett,

dass dich heute niemand gesehen hat.

Nicht, weil dein Partner nicht hingesehen hätte.

Sondern weil du dich den ganzen Abend bemüht hast,

jemand anderes zu sein.

 

Fragen & Antworten zum Thema

Oft steckt dahinter die Überzeugung, dass dein echtes Selbst nicht ausreicht, um geliebt oder angenommen zu werden.

Ja. Gegenseitige Rücksicht gehört zu jeder Beziehung. Problematisch wird es, wenn Anpassung bedeutet, dauerhaft die eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken.

Weil Liebe alte Bindungsmuster aktivieren kann. Dann wird die Beziehung wichtiger als die Verbindung zu dir selbst.

Indem du beginnst, deine Bedürfnisse nicht länger als Problem zu sehen, sondern als wichtigen Teil von dir. Veränderung beginnt oft nicht damit, anders zu werden, sondern ehrlicher zu werden.

Weil eine Beziehung anstrengend wird, wenn einer ständig versucht, eine Rolle zu erfüllen. Echte Nähe entsteht dort, wo beide authentisch sein dürfen – ein Grundgedanke, der auch in der modernen Bindungsforschung unterstützt wird.

 

Ein beständiger Gedanke zum Schluss

Vielleicht musst du gar nicht anders werden.

Vielleicht musst du auch nicht lernen, noch verständnisvoller, geduldiger oder unkomplizierter zu sein.

Vielleicht bist du einfach müde geworden, ständig zu überlegen,

welche Version von dir heute die größte Chance hat, geliebt zu werden.

Denn Liebe bedeutet nicht,

dass du alles wirst, was der andere sich wünscht.

Liebe bedeutet,

dass zwei Menschen sich gegenseitig dabei helfen,

immer mehr sie selbst zu werden.

Und vielleicht beginnt genau dort die wichtigste Veränderung.

Nicht damit, jemand anderes zu werden.

Sondern damit, aufzuhören, dich ständig von dir selbst zu entfernen.

 

Wie dieses Thema mich ganz persönlich betrifft

Beispiel aus der Praxis ein- oder ausklappen

Meine ersten Beziehungen kamen oft nicht über den dritten Monat. Später wurden sie langsam etwas länger, und das lag daran, dass ich immer besser lernte, derjenige zu werden, den meine aktuelle Freundin erwartete. Während ich anfangs gegen Erwartungen rebellierte, lernte ich, dass ich die Bindung nur halten kann, wenn ich zum perfekten Partner mutiere.

Manche Freundinnen sagten ganz offen, was sie wollen, andere packten ihre Erwartungen in Vorwürfe und Urteile, und bei einigen musste ich zwischen den Zeilen lesen. Das Ergebnis war das Gleiche – ich erfuhr, wie ich sein muss, damit sie in der Bindung bleibt.

Und es funktionierte. Die Beziehungen dauerten nun 1–8 Jahre – doch der Preis dafür war hoch. Es kostete meine Authentizität. Doch für Menschen mit Bindungsstörungen wie Bindungsangst oder Verlustangst ist das seit der Kindheit ein erlerntes Verhalten. Demnach fiel es auch mir nicht schwer. Ich sorge dafür, dass es meiner Partnerin gutgeht. Wie es mir dabei geht, ist nicht von Belang.

Wie ein Chamäleon verwandelte ich mich, je nachdem, was gerade gefordert schien. Und immer ging ich dabei über meine Werte, meine Bedürfnisse und meine Gefühle. Allerdings ging ich nie über meine Angst, und das sorgte für Schwierigkeiten. Ich agierte nicht mehr, sondern reagierte nur noch – ich funktionierte – im Dienste der Beziehung.

Ich ging über meine Grenzen und Bedürfnisse, jedoch nicht über meine Angst

Meine Angst sorgte dafür, dass ich Konflikte vermied, keine Ansprüche stellte, mich nicht beklagte, und immer eine gute Miene zum bösen Spiel machte. Man sollte erwarten, dass wir in Frieden und Harmonie lebten, doch das gab es nur sporadisch. All das Unausgesprochene stand wie der berühmte rote Elefant mitten im Raum.

Meine unterdrückte und unbewusste Wut auf meine Partnerin staute sich auf, und zeigte sich nun in passiv-aggressivem Verhalten meinerseits. Ich kam zu spät, fand tausend Gründe, um nicht zu Hause sein zu müssen, meldete mich lange nicht, und antwortete kaum mehr auf Nachrichten. In Sachen Ironie und Sarkasmus machte mir kaum jemand etwas vor, und Aufgaben erfüllte ich bestenfalls zu meinen Bedingungen.

Klar, dass es mit der Harmonie zwischen uns nicht zum Besten stand. Meinen Anteil daran konnte ich jedoch selbst auf Nachfrage nicht erkennen. Alles, was ich tat oder unterließ, war unbewusst. Was ich tat, machte ich, damit es meiner Partnerin besser geht, und ich war frustriert, weil es ihr dennoch nicht gut ging. Auf die Idee, dass es ihr wegen dem, was ich tue, schlecht geht, wäre ich nie gekommen.

Du bist okay, ich bin nicht okay

Weil ich das glaubte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, mein Rollenspiel aufzugeben. Rückblickend ist klar, dass diese Rolle uns mehr trennte, als meine vermeintlichen Schwächen und Fehler es je gekonnt hätten. Ich hätte nicht gedacht, dass die Heilung darin bestehen könnte, mich zu zeigen, wie ich bin, und mich mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen zuzumuten, selbst wenn es meiner Partnerin scheinbar nicht gutgeht.

Wie so oft musste ich mir auch hier  zuerst meiner unbewussten Muster bewusst werden. Erst als ich begriff, wie anmaßend mein Verhalten war, konnten wir über viele Dinge reden, die ich zuvor mit mir selbst ausgemacht hatte. Vorher glaubte ich zu wissen, was meine Partnerin braucht, was das Beste für sie ist und wovor ich sie beschützen musste.

Nun gelingt es mir immer besser, mich zuzumuten und über das zu sprechen, was gerade in mir ist. Wenn ich es noch nicht benennen kann, erzähle ich von meiner Unklarheit. Und ich gebe ihr die Gelegenheit, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und zu sagen, wenn es ihr zu viel wird.

Reflexion

  • Glaubst du, anders werden zu müssen, um gut genug zu sein?

  • Glaubst du zu wissen, wovor du deinen Partner beschützen musst?

  • Glaubst du, dein Partner wird glücklicher, wenn du deine Rolle noch besser spielst?

  • Könnte es sein, dass die Heilung im Loslassen dieser Rolle liegt?

  • Könnte es sein, dass du viel liebenswerter bist, als deine Rolle?

Mach dir deine Beziehung schön,

Dein Uwe

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